WisdomTree
Gold Monthly
June 2026
Nitesh Shah
Head of Commodities and Macroeconomic Research, WisdomTree Europe
Nitesh Shah ist ein Finanzexperte mit über 24 Jahren Erfahrung in den Bereichen Research und Anlagestrategie. Als Head of Commodities & Macroeconomic Research bei WisdomTree Europa leitet er Marktanalysen und -einblicke für die verschiedenen Anlageklassen, wobei sein Schwerpunkt auf Rohstoffen und börsengehandelten Produkten liegt. Zuvor war er bei Moody's, HSBC Investment Bank, The Pension Protection Fund und Decision Economics tätig, wo er sein Fachwissen in den Bereichen Marktanalyse und Strategie vertiefte.
Nitesh Shah hat einen Master-Abschluss in internationaler Wirtschaft und Finanzwesen von der Brandeis University und einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften von der London School of Economics. Seine Einsichten werden häufig in den Finanzmedien zitiert und er ist ein gefragter Redner bei Branchenveranstaltungen. Außerdem ist er Moderator des Podcasts „Commodity Exchange“, in dem er über Trends auf den globalen Märkten spricht. Nitesh Shah begeistert sich für die Beratung von Anlegern und bietet ihnen umsetzbare Erkenntnisse, die ihnen bei der Orientierung in der komplexen Finanzlandschaft helfen.
Kurzfristiger Gegenwind, langfristige Unterstützung
Der Goldpreis liegt nun unter seinem Stand vom Jahresbeginn. Das überrascht, wenn man bedenkt, dass im Januar 2026 der stärkste monatliche Anstieg des Goldpreises seit Beginn der Aufzeichnungen zu verzeichnen war (gemessen an nominalen Gewinnen in US-Dollar und nicht an prozentualen Renditen). Damit hat Gold das volatilste erste Halbjahr seit Beginn seiner breiten Nutzung als Anlageinstrument erlebt.
Gold ist aufgrund steigender Zinserwartungen unter Druck geraten. Der Krieg im Nahen Osten hat zu dieser Stimmungswende beigetragen, da die inflationären Auswirkungen der Beeinträchtigungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus die Märkte dazu veranlasst haben, eine geldpolitische Reaktion zur Eindämmung des Preisdrucks zu erwarten. Für kurze Zeit erholte sich der Goldpreis, als die USA und der Iran eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) unterzeichnet haben – Anleger hofften, dass sich der Druck auf die Zentralbanken durch niedrigere Energiepreise verringern würde. Die Erholung erwies sich jedoch als kurzlebig, nachdem die Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) der US-Notenbank im Juni eine eher restriktive geldpolitische Haltung signalisierte.
Die erste FOMC-Sitzung unter dem Vorsitz von Kevin Warsh war von einer gestrafften geldpolitischen Erklärung geprägt, die den Beginn einer umfassenderen Reduzierung der Forward Guidance einläutete. Infolgedessen legen die Märkte wahrscheinlich größeren Wert auf die verbleibenden Leitlinien. Der sogenannte „Dot Plot“, der zeigt, wo einzelne Entscheidungsträger die Zinssätze zum Jahresende erwarten, ergab, dass neun der 18 Teilnehmer bis Ende 2026 mindestens eine Zinserhöhung prognostizierten (Abbildung 1).
Obwohl die Märkte in diesem Jahr bereits eine Zinsanhebung eingepreist hatten, haben die jüngsten Prognosen diese Erwartungen noch verstärkt. Die Fed-Funds-Futures gehen nun schon im Oktober von einer vollständigen Zinserhöhung aus, während die Erwartungen vor der Sitzung noch eher im Dezember lagen. Der starke Arbeitsmarkt, der sich in einem kräftigeren Beschäftigungswachstum widerspiegelt, sowie die anhaltend hohen Inflationswerte haben die Argumente für eine straffere Geldpolitik gestärkt.
Die Realzinsen, gemessen an den Renditen inflationsgeschützter US-Staatsanleihen (TIPS), haben zugelegt und daher in den letzten Monaten Abwärtsdruck auf den Goldpreis ausgeübt. Während sich Gold und Realzinsen mehrere Jahre lang offenbar entkoppelt hatten, scheint sich ihre historisch negative Korrelation in jüngster Zeit wieder durchgesetzt zu haben (Abbildung 2).
Abbildung 1: Erwartungen der Mitglieder des Fed-Offenmarktausschusses hinsichtlich der Zinsen Ende 2026 (März vs. Juni 2026)

Quelle: Zusammenfassung der Wirtschaftsprognosen der Federal Reserve, 18. März 2026, 17. Juni 2026, WisdomTree. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Gold und Realzinsen
Abbildung 2: Gold vs. Realzinsen (TIPS-Rendite)

Quelle: Bloomberg Finance L.P. WisdomTree, Februar 2026–Juni 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Gold und der US-Dollar
Der US-Dollar ist auf den höchsten Stand seit über einem Jahr geklettert. Der Greenback profitierte von der relativen Energiesicherheit der USA während des Irankonflikts, insbesondere im Vergleich zu anderen traditionellen Fluchtwährungen.
Sofern das MoU Bestand hat und die Spannungen weiter abklingen, könnte eine Entschärfung der angespannten Lage auf den Energiemärkten die Stütze für den US-Dollar etwas aushöhlen. Sollten die Märkte jedoch weiterhin einen aggressiveren Kurs bei den US-Zinsen einpreisen, könnte der US-Dollar länger auf einem höheren Niveau bleiben.
Abbildung 3: Gold und US-Dollar-Korb

Quelle: Bloomberg Finance L.P. WisdomTree, Oktober 2025–Juni 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Zentralbanken stehen Gold weiterhin positiv gegenüber
2025 kauften die Zentralbanken in Tonnen weniger Gold als in den Jahren 2024, 2023 und 2022: Die Marke von 1.000 Tonnen wurde zum ersten Mal seit Ausbruch des Russland-Ukraine-Kriegs unterschritten (Abbildung 4). Aufgrund des höheren Preisniveaus gaben sie jedoch mehr Geld denn je für Goldkäufe aus (wir schätzen über 95 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 gegenüber 84 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024).
Abbildung 4: Goldnachfrage der Zentralbanken

Quelle: WisdomTree, Weltgoldrat, Q1/2010–Q1/2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Marktteilnehmern, die befürchten, dass die Nachfrage der Zentralbanken abflauen könnte, bietet die jüngste jährliche Zentralbankumfrage des Weltgoldrats eine aufschlussreiche Perspektive.
Die Zentralbanken stehen Gold weiterhin äußerst positiv gegenüber. Die Umfrage ergab, dass 89 % der Befragten davon ausgehen, dass die Zentralbanken insgesamt ihre Goldbestände im kommenden Jahr weiter aufstocken werden (Abbildung 5). Niemand rechnet mit einem Rückgang der Goldbestände insgesamt. Zwar geht ein etwas größerer Anteil als im Vorjahr davon aus, dass die Bestände unverändert bleiben werden (11 % im Jahr 2026 gegenüber 5 % im Jahr 2025), was jedoch angesichts des erheblichen Anstiegs der Goldpreise und des mittlerweile größeren Anteils von Gold an den Devisenreserven nicht überraschend ist.
Abbildung 5: Erwartungen der Zentralbanken hinsichtlich allen Zentralbank-Goldbeständen

Quelle: WisdomTree, Weltgoldrat, Erhebung der Goldreserven der Zentralbanken, 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Eine Rekordzahl von 45 % der Befragten geht davon aus, dass die Goldreserven ihrer jeweiligen Institution in den nächsten zwölf Monaten wachsen werden (Abbildung 6). Die meisten übrigen Befragten erwarten keine Veränderung, während nur 1 % mit einem Rückgang der Bestände rechnet. Ausgehend von der Stichprobe der Umfrage lässt dies darauf schließen, dass nur eine einzige Zentralbank die Absicht bekundet hat, Gold zu verkaufen.
Abbildung 6: Erwartungen der Zentralbanken hinsichtlich ihrer eigenen Goldbestände

Quelle: WisdomTree, Weltgoldrat, Erhebung der Goldreserven der Zentralbanken, 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Abkühlung seitens der Anleger
Im Gegensatz zu den Zentralbanken scheint sich die Begeisterung der Anleger gegenüber der zu Jahresbeginn zu beobachtenden Euphorie abgekühlt zu haben. Die spekulative Nettopositionierung in Gold-Futures ist seit 2009 unter ihren langfristigen Durchschnitt gefallen (Abbildung 7), während die Mittelzuflüsse in börsengehandelte Fonds (ETFs) im Allgemeinen dem Preisrückgang gefolgt sind (Abbildung 8). Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass taktische Anleger ihren Fokus zunehmend auf höhere Realrenditen und einen stärkeren US-Dollar richten, auch wenn strukturelle Käufer weiterhin Gold akkumulieren.
Abbildung 7: Spekulative Nettopositionierung in Gold-Futures

Quelle: Bloomberg Finance L.P. WisdomTree, Juni 2009–Juni 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Abbildung 8: Goldbestände in börsengehandelten Produkten (ETPs)

Quelle: Bloomberg Finance L.P. WisdomTree, Juni 2020–Juni 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Langfristige Risiken bleiben ungeklärt
Unseres Erachtens ist die Welt noch immer von erhöhten geopolitischen Risiken und wachsenden finanziellen Schwachstellen geprägt. Während die Zentralbanken als Reaktion auf den Inflationsdruck möglicherweise die Zinsen anheben, steigt die Staatsverschuldung in vielen großen Volkswirtschaften weiter an. Das Spannungsfeld zwischen einer strafferen Geldpolitik und einer sich verschlechternden Haushaltslage schafft potenzielle Bruchlinien im globalen Finanzsystem. Auch wenn sich diese Bedenken derzeit nicht im Goldpreis zeigen, dürfte Gold eine wichtige Rolle spielen, sollten sich diese Ungleichgewichte auf ungeordnete Weise auflösen.
Anlagen in physischem Gold und goldbezogenen Wertpapieren unterliegen einem Marktrisiko und können Wertschwankungen ausgesetzt sein. Der Goldpreis kann durch Änderungen der Zinsen, Inflationserwartungen, Währungsschwankungen, Maßnahmen der Zentralbanken und die allgemeine Marktstimmung beeinflusst werden. Steigende Realzinsen und ein stärkerer US-Dollar haben in der Vergangenheit den Goldpreis belastet, auch wenn sich die Zusammenhänge zwischen den Anlageklassen im Laufe der Zeit ändern können.