WisdomTree
Gold Monthly
May 2026
Nitesh Shah
Head of Commodities and Macroeconomic Research, WisdomTree Europe
Nitesh Shah ist ein Finanzexperte mit über 24 Jahren Erfahrung in den Bereichen Research und Anlagestrategie. Als Head of Commodities & Macroeconomic Research bei WisdomTree Europa leitet er Marktanalysen und -einblicke für die verschiedenen Anlageklassen, wobei sein Schwerpunkt auf Rohstoffen und börsengehandelten Produkten liegt. Zuvor war er bei Moody's, HSBC Investment Bank, The Pension Protection Fund und Decision Economics tätig, wo er sein Fachwissen in den Bereichen Marktanalyse und Strategie vertiefte.
Nitesh Shah hat einen Master-Abschluss in internationaler Wirtschaft und Finanzwesen von der Brandeis University und einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften von der London School of Economics. Seine Einsichten werden häufig in den Finanzmedien zitiert und er ist ein gefragter Redner bei Branchenveranstaltungen. Außerdem ist er Moderator des Podcasts „Commodity Exchange“, in dem er über Trends auf den globalen Märkten spricht. Nitesh Shah begeistert sich für die Beratung von Anlegern und bietet ihnen umsetzbare Erkenntnisse, die ihnen bei der Orientierung in der komplexen Finanzlandschaft helfen.
Inflationsängste treffen auf steigende Renditen
Steigende Renditen überlagern Inflationsängste
Gold gab im Laufe des letzten Monats nach, da ein stärkerer US-Dollar und steigende Renditen auf Staatsanleihen dem Edelmetall Gegenwind bereiteten. Wir betrachten die Belastung jedoch weiterhin als zyklisch und nicht als strukturell und bewerten das mittelfristige Umfeld für Gold noch immer positiv.
Die Sperrung der Straße von Hormus hat weitreichende Preisverwerfungen bei Energie, Düngemitteln und Industriemetallen ausgelöst und zu einem starken Anstieg der weltweiten Inflationserwartungen geführt. Die Zentralbanken stehen nun vor einem schwierigen Spagat: Die Geldpolitik kann die angebotsseitigen Engpässe nicht beheben, doch wenn die Notenbanken nicht reagieren, besteht die Gefahr, dass die Inflationserwartungen aus dem Ruder laufen.
Daher haben die Märkte ihre Zinserwartungen rasch neu bewertet. In den USA sind Erwartungen von Zinssenkungen weitgehend vom Tisch, während die Märkte im Euroraum nun fast drei weitere Zinserhöhungen und im Vereinigten Königreich fast zwei weitere für den Rest des Jahres einpreisen. Diese Neubewertung hat die Renditen auf Staatsanleihen in die Höhe getrieben und kurzfristigen Druck auf den Goldpreis erzeugt.
In den USA konzentrierte sich der Renditeanstieg auf das lange Ende der Kurve, was sich in einer bärischen Versteilerung niederschlägt. Das lässt vermuten, dass die Anleger zunehmend über anhaltende Inflation, die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen und steigende Laufzeitprämien besorgt sind, auch wenn die Erwartungen hinsichtlich des Leitzinses der Federal Reserve vergleichsweise stabil bleiben. Steigende langfristige Renditen erhöhen die Opportunitätskosten für das Halten von nicht verzinslichen Vermögenswerten wie Gold.
Vor allem sollte die Inflation an sich normalerweise den Goldpreis stützen. Wenn jedoch die nominalen und realen Anleiherenditen gleichzeitig ansteigen, kann der stützende Effekt der Inflation aufgehoben werden – genau diesem Umfeld sieht sich der Goldmarkt derzeit gegenüber..
Abbildung 1: Gold und nominale Anleiherenditen

Quelle: Bloomberg Finance L.P. WisdomTree, Februar 2026–Mai 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Zwillingsdefizite könnten den Dollar letztlich untergraben
Auch der US-Dollar hat sich als widerstandsfähig erwiesen, was zum Teil auf den Status der USA als Nettoenergieexporteur in einer Zeit weltweiter Energieknappheit zurückzuführen ist. Die gestiegenen Energiepreise haben die Terms of Trade der USA gegenüber vielen großen Importnationen verbessert.
Wir sind jedoch der Ansicht, dass sich struktureller Druck auf den Dollar aufbaut. Wachsende Haushaltsdefizite in Verbindung mit einem zunehmenden Leistungsbilanzdefizit – die sogenannten „Zwillingsdefizite“ – gingen in der Vergangenheit mit einem schwachen US-Dollar und einem immer größeren Bedarf an ausländischer Finanzierung einher.
Mittelfristig dürfte sich die Kombination aus gestiegenen Inflationsrisiken, einer Verschlechterung der Haushaltslage und einer letztendlichen Dollarschwäche positiv auf den Goldpreis auswirken. Unseres Erachtens handelt es sich bei dem derzeitigen Druck durch höhere Leitzinsen und Anleiherenditen eher um einen zyklischen Gegenwind als um eine strukturelle Veränderung des Goldausblicks.
Abbildung 2: US-Dollar und US-Zwillingsdefizite

Quelle: WisdomTree, Bloomberg Finance L.P. Januar 1968–März 2026. Zwillingsdefizit = Leistungsbilanz + Haushaltsdefizit in % des BIP. Dollar-Korb (DXY). Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
ETP-Ströme vorerst uneinheitlich
Die Kapitalflüsse bei börsengehandelten Goldprodukten (ETP) waren in diesem Jahr bisher volatil, was die Spannung zwischen der Nachfrage nach sicheren Anlagen und den steigenden Opportunitätskosten aufgrund höherer Renditen zum Ausdruck bringt.
Nach starken Zuflüssen im Januar und Februar in Höhe von insgesamt 147 Tonnen kam es im März zu erheblichen Abflüssen von 84 Tonnen, die vor allem von nordamerikanischen Anlegern getrieben wurden. Das spiegelte wahrscheinlich Gewinnmitnahmen nach der starken Goldrallye zu Jahresbeginn wider, ebenso wie Liquidationsdruck aufgrund der allgemeinen Marktvolatilität.
Im April setzten die Mittelzuflüsse in allen großen Regionen wieder ein, wobei Europa den höchsten Anteil ausmachte. Die Nachfrage in Europa könnte auf verstärkte geopolitische Bedenken und wachsende Stagflationsängste in der Region zurückzuführen sein.
Daten von Anfang Mai lassen darauf schließen, dass die Anleger weiterhin vorsichtig, aber stabil positioniert sind, wobei trotz hoher Renditen und eines starken US-Dollar wieder moderate Mittelzuflüsse zu verzeichnen sind.
Tabelle 1: Weltweite Nachfrage nach Gold-ETPs nach Regionen
Quelle: Weltgoldrat, 1. Januar 2026–15. Mai 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Druck durch Energieimporte verändert Goldnachfrage
Der Irankonflikt belastet die energieimportierenden Volkswirtschaften in mehrfacher Hinsicht. Letzten Monat haben wir darüber berichtet, wie die stark von Energieimporten abhängige Türkei angesichts der sich verschärfenden Handelslage Gold verkauft und getauscht hat, um sich Dollar-Liquidität zu verschaffen und die Lira zu stabilisieren.
In diesem Monat zeichnen sich in Indien ähnliche Spannungen ab. Angesichts steigender Ölimportkosten und zunehmenden Drucks auf den Außenbeitrag hat Indien den effektiven Einfuhrzoll auf Gold mit Wirkung zum 13. Mai 2026 von 6 % auf 15 % angehoben. Premierminister Modi hat die Bürger zudem öffentlich dazu aufgerufen, nicht notwendige Goldkäufe im kommenden Jahr einzuschränken.
Diese Maßnahmen deuten darauf hin, dass die politischen Entscheidungsträger in einer Zeit geopolitischer Spannungen und hoher Energiepreise zunehmend darauf bedacht sind, die Devisenreserven zu schonen und nicht lebensnotwendige Importe zu begrenzen.
Indiens Vorgehen ist besonders bemerkenswert, da das Land nach wie vor zu den weltweit größten Abnehmern von physischem Gold zählt. Die Nachfrage nach Schmuck war aufgrund des gestiegenen Goldpreises bereits zurückgegangen, während die Nachfrage nach Anlagegold außergewöhnlich stark war. Höhere Einfuhrzölle dürften daher die Inlandsnachfrage kurzfristig weiter dämpfen.
Allgemeiner betrachtet verdeutlicht die aktuelle Phase, wie sich hohe Energiepreise indirekt auf das Nachfragemuster nach Gold auswirken können – durch Druck auf die Zahlungsbilanz und Überlegungen zur Währungspolitik in Schwellenländern.
Attraktivität von Gold als Reservewährung geht über Zentralbanken hinaus
Aus dem Bestätigungsbericht von Tether für das erste Quartal 2026 geht hervor, dass der Stablecoin-Emittent Goldreserven in Höhe von fast 20 Milliarden US-Dollar hält, was etwa 133 Tonnen Gold entspricht. Wenn diese Angaben zutreffen, lägen die Goldbestände von Tether über denen mehrerer staatlicher Zentralbanken, darunter Südafrika und Mexiko.
Laut unseren Schätzungen hat Tether im ersten Quartal 2026 etwa 6 Tonnen Gold hinzugekauft. Zwar entspricht das einem langsameren Tempo als in den vorangegangenen Quartalen (wir schätzen die Käufe im vierten Quartal 2025 auf rund 27 Tonnen), doch sind die anhaltenden Käufe angesichts der erheblichen Volatilität, die im Laufe des Quartals an den Finanzmärkten zu beobachten war, bemerkenswert.
Die Mäßigung der Käufe spiegelt wahrscheinlich den allgemeinen Liquiditätsdruck und Gewinnmitnahmen wider, die in diesem Zeitraum auf dem Goldmarkt zu beobachten waren. Dennoch lässt die fortgesetzte Diversifikation der Reserven in Gold durch einen bedeutenden Emittenten digitaler Assets auf eine anhaltende Überzeugung hinsichtlich der Rolle von Gold als strategischer Reservewert über die traditionelle Nachfrage der Zentralbanken hinaus schließen.
Kurzfristiger Druck, langfristige Unterstützung
Auch wenn höhere Anleiherenditen und ein stabiler US-Dollar kurzfristig weiterhin Volatilität verursachen könnten, erachten wir das allgemeine makroökonomische Umfeld mittelfristig weiterhin als günstig für Gold. Fortwährende geopolitische Spannungen, strukturell höhere Inflationsrisiken, steigende Haushaltsdefizite und die fortschreitende Diversifikation der Währungsreserven stärken die Rolle von Gold als strategische Absicherung im Portfolio und als Wertspeicher. Die kurzfristige Schwäche könnte sich daher innerhalb eines insgesamt positiven Zyklus für das Edelmetall als vorübergehend erweisen.