Was das Industrie-Beschleunigungsgesetz der EU für den Infrastruktursektor bedeuten könnte
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Das Industrie-Beschleunigungsgesetz (Industrial Accelerator Act, IAA) signalisiert eine Verlagerung des Schwerpunkts von einer reinen Klimapolitik hin zu Fertigung, Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Lieferketten.
- Regelungen für das öffentliche Beschaffungswesen könnten eine stärkere Nachfrage nach kohlenstoffarmem Stahl, Beton, Aluminium und anderen Infrastrukturkomponenten erzeugen.
- AEine stärkere europäische Fertigungsbasis könnte dazu beitragen, Engpässe bei Stromnetzen, Speicherung, Leistungselektronik und Komponenten für erneuerbare Energien zu verringern.
- Bereiche der industriellen Beschleunigung könnten eine Folgenachfrage nach Stromanschlüssen, Verkehrsanbindungen, Versorgungsleistungen und Projektumsetzung schaffen.
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Die industrielle Herausforderung Europas
Ein neues Thema rückt allmählich in den Mittelpunkt der industriellen Debatte in Europa. Während eines Großteils der letzten zehn Jahre lag der Schwerpunkt darauf, wie schnell die Region eine Dekarbonisierung erreichen könnte. Heute wächst bei den politischen Entscheidungsträgern die Sorge, dass Europa in strategischen Branchen gegenüber anderen großen Volkswirtschaften an Boden verliert.
Eine Herausforderung ist der langfristige Rückgang des verarbeitenden Gewerbes. Laut Daten der Weltbank machte die Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes 1991 rund 19,7 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU aus – verglichen mit 14,3 % im Jahr 2024.1 Zwar sind in Europa nach wie vor viele führende Industrieunternehmen ansässig, doch hat das verarbeitende Gewerbe im Laufe der Zeit an Bedeutung für die Wirtschaft eingebüßt.
Abbildung 1: Verarbeitendes Gewerbe in der EU, Wertschöpfung (in % des BIP) und Ziel des Industrie-Beschleunigungsgesetzes

Quelle: Weltbank. Prognosen sind kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und alle Anlagen sind mit Risiken und Ungewissheiten verbunden.
Investitionen sind ein weiterer kritischer Punkt. Dem Draghi-Bericht zufolge benötigt die EU jährlich voraussichtlich zusätzliche Investitionen in Höhe von 750–800 Milliarden Euro – etwa 4,4 %–4,7 % des BIP2 – zur Förderung von Produktivität, Innovation und ökologischem Wande.
Abbildung 2: EU-Quote für produktive Investitionen ist niedriger als die der USA

Quelle: EIB-Arbeitspapier 2024/01, „Dynamics of productive investment and gaps between the United States and EU countries“ Produktive Investitionen = Bruttoanlageinvestitionen (BAI) abzüglich Bauinvestitionen. Die Quoten beziehen sich auf die BAI als Prozentsatz der Bruttowertschöpfung, das kettenindexierte Volumen 2015, nationale Deflatoren, Jahresdurchschnitte.
Gleichzeitig sieht sich die Industrie in Europa mit strukturell höheren Energiekosten konfrontiert als einige Wettbewerbsregionen, insbesondere in energieintensiven Branchen wie der Stahl-, Zement- und Aluminiumindustrie. Die Energiewende wirft außerdem neue Bedenken hinsichtlich Abhängigkeitsrisiken im Zusammenhang mit externen Lieferketten auf, da Technologien wie Solarmodule, Batterien und Leistungselektronik nach wie vor stark außerhalb Europas konzentriert sind.
Abbildung 3: Geschätzter Endstrompreis für große Industriekunden in energieintensiven Branchen, 2019–2024

Quelle: IEA. Die historischen Daten dienen lediglich der Veranschaulichung und lassen keine Rückschlüsse auf zukünftige Marktbedingungen oder Anlageergebnisse zu.
Vor diesem Hintergrund legen die politischen Entscheidungsträger größeren Wert auf industrielle Versorgungssicherheit und strategische Autonomie. Das Industrie-Beschleunigungsgesetz (Industrial Accelerator Act, IAA) ist eine der neuesten Initiativen, die darauf abzielen, die heimische Fertigungsindustrie zu stärken, eine kohlenstoffarme Produktion zu fördern und die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verbessern.
Was das IAA bewirken soll
Die Europäische Kommission legte den IAA-Vorschlag im März 2026 vor. Auch wenn es sich noch um einen Gesetzentwurf handelt, deutet die Maßnahme darauf hin, dass sich ein Konsens abzeichnet: Europa muss seine Fertigungsbasis festigen und strategische Abhängigkeiten verringern.
Dem Vorschlag der Kommission zufolge soll die Verordnung die Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit des verarbeitenden Gewerbes in der EU stärken, wobei der Schwerpunkt auf ausgewählten strategischen Sektoren liegt, und gleichzeitig zu den Klimazielen, der wirtschaftlichen Sicherheit und der Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze beitragen. Darüber hinaus wird das Ziel festgelegt, dass bis 2035 auf das verarbeitende Gewerbe 20 % des BIP der EU entfallen sollen.3
Das Gesetz konzentriert sich auf drei große Bereiche: energieintensive Industrien, Netto-Null-Technologien und Teile der Automobilzulieferkette. Damit ist es nicht nur für traditionelle Werkstoffe wie Stahl und Zement relevant, sondern auch für die Fertigungsbasis, die Europas Energiewende untermauert und Komponenten für erneuerbare Energien, Energiespeicher, Netzelektronik und Elektromobilität umfasst.
Das Gesetz beinhaltet vier wesentliche Instrumente. Erstens führt es Reformen im öffentlichen Beschaffungswesen ein, die Kriterien wie niedrige CO2-Emissionen und Resilienz stärker gewichten, darunter „Made in EU“- und CO2-Reduktionsanforderungen bei der öffentlichen Auftragsvergabe und in öffentlichen Förderprogrammen. Zweitens legt es Beschränkungen für bestimmte große ausländische Direktinvestitionen in strategischen Sektoren fest. Drittens zielt es darauf ab, die Genehmigungsverfahren für industrielle Fertigungsprojekte zu vereinfachen. Viertens verpflichtet es die Mitgliedstaaten, Gebiete zur Beschleunigung der industriellen Fertigung auszuweisen, in denen strategische Industrieprojekte gebündelt werden sollen.
Die genannten Sektoren sind für die Realwirtschaft von hoher Relevanz. Nach Ansicht der Europäischen Kommission machen diese Sektoren zwar nur einen begrenzten Anteil an der gesamten Produktionsleistung des verarbeitenden Gewerbes in der EU aus, dennoch spielen sie als Zulieferer für Bauwesen, Mobilität, Energie und Verteidigung eine überproportionale Rolle.
Warum das IAA für den Ausbau der Infrastruktur in Europa von Bedeutung ist
Obwohl das IAA in erster Linie eine industriepolitische Initiative ist, hat es mehrere wichtige Auswirkungen auf den europäischen Infrastruktursektor.
1. Kohlenstoffarme Werkstoffe: Das öffentliche Beschaffungswesen als Nachfragesignal
Der direkte Zusammenhang mit Infrastruktur besteht über die öffentliche Beschaffung und die verwendeten Werkstoffe. Ab 2029 müssten öffentliche Aufträge für Gebäude und zivile Infrastruktur einen Mindestanteil von CO2-armem Stahl, Beton oder Aluminium vorsehen. Dem Vorschlag zufolge müssten mindestens 25 % des in den betreffenden Gebäuden, Infrastrukturen und Fahrzeugen verwendeten Stahls CO2-arm sein; bei Beton und Mörtel wäre ein Anteil von 5 % an CO2-armem Material aus der Union erforderlich; bei Aluminium müsste der Anteil an CO2-armen Werkstoffen aus der Union 25 % betragen.4
Infrastrukturprojekte sind große Abnehmer von Stahl, Zement, Beton und Aluminium. Bei einer weitreichenden Umsetzung nach dem Vorschlag könnte sich ein stärker sichtbarer Markt für europäische kohlenstoffarme Baustoffe entwickeln. Das käme Herstellern zugute, die die Kohlenstoffintensität und Herkunft ihrer Produkte nachweisen können, sowie Bauunternehmen, die konforme Materialien effizient beschaffen können. Europäische Produzenten und Baufirmen könnten in einigen Bereichen besser aufgestellt sein, insbesondere dort, wo Anforderungen hinsichtlich der Herkunft aus der EU gelten oder wo die lokale Produktion dazu beiträgt, Beschaffungs- und CO2-Emissionsstandards zu erfüllen.
2. Energiekomponenten: Stärkung der Versorgungssicherheit
Ein weiterer wichtiger Bereich sind die Produktionskapazitäten für Komponenten der Energieinfrastruktur.
Engpässe in Lieferketten stellen für die europäische Energieinfrastruktur zunehmend einen limitierenden Faktor bei der Projektumsetzung dar. Komponenten für erneuerbare Energien, Energiespeichersysteme und Netzelektronik sind alle auf Produktionskapazitäten angewiesen. Eine stärkere heimische Produktionsbasis könnte die Resilienz verbessern und einige der Risiken mindern, die mit konzentrierten globalen Lieferketten verknüpft sind.
Das IAA reiht sich in umfassendere europäische Bemühungen ein, die heimische Produktion in diesen strategischen Sektoren zu fördern. Viele Komponenten für Technologien für erneuerbare Energien sind in Europa nach wie vor teurer in der Herstellung, während sich die globalen Lieferketten häufig außerhalb der Region konzentrieren. Durch die Schaffung klarerer Nachfragesignale und die Verbesserung der Entwicklungsbedingungen hoffen die politischen Entscheidungsträger, Unternehmen zu Investitionen in europäische Produktionskapazitäten anzuregen.
3. Industriestandorte: Neue Kapazitäten erfordern neue Infrastruktur
Das Gesetz kann die Infrastruktur auch indirekt durch die industrielle Entwicklung beeinflussen.
Neue Produktionseinrichtungen benötigen eine entsprechende Infrastruktur, darunter Stromanschlüsse, Verkehrsanbindungen und Versorgungsnetze. Industrielle Wachstumsgebiete sollen die Umsetzung strategischer Projekte erleichtern und damit möglicherweise neue Industrieinvestitionen in Europa fördern.
Abbildung 4: Vom IAA betroffene Segmente der Infrastruktur-Wertschöpfungskette
Quelle: WisdomTree. Die aufgeführten Unternehmen dienen lediglich der Veranschaulichung. Verweise auf bestimmte Wertpapiere sind nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf einer Anlage zu verstehen.
Fazit
Das Industrie-Beschleunigungsgesetz erweitert den Zyklus der Infrastrukturinvestitionen in der Region um eine neue Ebene politischer Unterstützung. Durch die Verknüpfung der öffentlichen Auftragsvergabe mit industrieller Resilienz und heimischen Fertigungskapazitäten könnte das Gesetz die Nachfrage nach kohlenstoffarmen Baumaterialien, Energiekomponenten und den Infrastruktur-Lieferketten stärken, die zur Umsetzung der langfristigen Prioritäten Europas erforderlich sind. Seine Auswirkungen werden von der endgültigen Umsetzung und möglichen Handelskonflikten abhängen, doch die Richtung ist klar: Europa betrachtet Infrastruktur, verarbeitende Industrie und strategische Autonomie zunehmend als miteinander verbundene Investitionsthemen.
Zwar könnte das IAA Teile der europäischen Industrie- und Infrastruktur-Wertschöpfungskette stützen, doch die endgültige Wirkung bleibt ungewiss. Der Vorschlag durchläuft noch das Gesetzgebungsverfahren der EU, und die Zeitpläne für die Umsetzung können sich ändern. Die Nachfrage nach infrastrukturbezogenen Produkten und Dienstleistungen kann zudem von der Konjunkturlage, den Prioritäten der öffentlichen Ausgaben, den Zinsen, den Energiepreisen und allgemeinen geopolitischen Entwicklungen beeinflusst werden.
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Abbildung 5: Abdeckung der Infrastruktur-Wertschöpfungskette durch den WisdomTree Europe Infrastructure UCITS ETF

Quelle: WisdomTree.
1 Quelle: Weltbank
2 Europäische Kommission, Draghi-Bericht zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der EU
3,4 Europäische Kommission, Industrie-Beschleunigungsgesetz
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