Europäische Verteidigungsindustrie: Starke Fundamentaldaten in einem schwachen Markt
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die aktuelle Kursschwäche im europäischen Verteidigungssektor ist stimmungsbedingt und nicht durch Fundamentaldaten verursacht.
- Das Book-to-Bill-Verhältnis (Auftragseingang zu Umsatz) europäischer Verteidigungsunternehmen liegt im Durchschnitt bei 1,49, was auf eine steigende Nachfrage hindeutet.
- Europäische Rüstungstitel notieren mit einem deutlichen Abschlag gegenüber US-Pendants (KGV von 28,6 gegenüber 48,8), bieten aber ein höheres prognostiziertes Gewinnwachstum (19,1 % gegenüber 16,8 %).
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Neubewertung des Sektors, keine fundamentale Entwicklung
Verteidigung in Europa war eines der prägenden Anlagethemen der letzten Jahre. Russlands groß angelegter Einmarsch in die Ukraine erzwang eine umfassende Neubewertung der europäischen Sicherheit. Seitdem stehen die führenden Rüstungsunternehmen des Kontinents im Mittelpunkt einer strukturellen Wiederaufrüstung. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Die Produktionskapazitäten wurden ausgebaut. Langfristige Beschaffungsverträge haben sich vervielfacht. Es hat sich eine politische Architektur herausgebildet, die die Nachfrage in diesem Sektor weiter stärkt, darunter das Ziel der NATO, 5 % des BIP für Verteidigung aufzuwenden, das EU-Programm Readiness 2030 und Deutschlands jahrzehntelange Modernisierung der Bundeswehr.
Trotz dieser Rahmenbedingungen haben europäische Verteidigungsaktien gegenüber ihren Höchstständen deutlich nachgegeben. Für Anleger stellt sich daher die naheliegende Frage: Wenn die Fundamentaldaten intakt sind, warum fallen dann die Kurse? Die Antwort liegt nicht in den Fundamentaldaten, sondern in einem Zusammenspiel von stimmungsgetriebenen Kräften. Das Muster ist bekannt: Die Märkte tendieren dazu, Rüstungstitel in Erwartung eines Konflikts oder einer Steigerung der Ausgaben nach oben zu treiben und Anlagen dann zu verkaufen, sobald das Ereignis eintritt. Das war nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine im Jahr 2022 der Fall. Das Gleiche geschieht gerade jetzt nach den militärischen Aktionen der USA und Israels gegen den Iran. Die Umsatzrealisierung im Verteidigungssektor erfolgt langsam: Unternehmen verbuchen Aufträge Monate oder Jahre vor der Auslieferung, und wenn Konflikte eskalieren, preisen die Märkte zunächst zukünftige Gewinne ein, ziehen sich dann aber zurück, wenn sie erkennen, dass diese Gewinne möglicherweise noch Jahre auf sich warten lassen.
Abbildung 1: Historische Wertentwicklung globaler Luftfahrt- und Verteidigungsindizes

Quelle: Bloomberg Finance L.P., WisdomTree, Stand: 27. Mai 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Vier konkrete kurzfristige Faktoren verstärken die strukturelle Dynamik:
- Die Risikominderung durch Hedgefonds („De-Grossing“)1 bei Verteidigungsengagements ist in gehebelten Portfolios eine beliebte Long-Strategie. Wenn die Volatilität steigt, werden Positionen ungeachtet ihrer tatsächlichen Substanz abgebaut.
- Der weltweite Wettbewerb um Verteidigungsinvestitionen hat sich verschärft, da der beantragte US-Verteidigungshaushalt für das Haushaltsjahr 20272 rund 1,5 Billionen US-Dollar (+50 % gegenüber dem Vorjahr) erreicht hat, was die Aufmerksamkeit und die Kapitalflüsse auf amerikanische Rüstungskonzerne lenkt.
- Die durch den Nahostkonflikt neu entfachte Debatte über konventionelle Systeme versus Systeme der nächsten Generation hat Unsicherheit darüber ausgelöst, welche Technologien bei der zukünftigen Beschaffung dominieren werden. Doch für Europa, das vor allem mit einer terrestrischen Bedrohung konfrontiert ist und seit Jahrzehnten in allen Bereichen zu wenig investiert hat, lautet die Antwort eindeutig: beide.
- Engpässe im deutschen Beschaffungswesen – eher eine administrative Folge der raschen Zunahme der Ausgaben als eines Rückgangs der Kaufabsichten – haben Unsicherheit hinsichtlich des Zeitpunkts der Auftragserteilung hervorgerufen, die von den Märkten stärker negativ gewertet wurde, als es die tatsächlichen Umstände rechtfertigen. Berlin plant allein für das Jahr 2027 Verteidigungsausgaben in Höhe von 144,9 Milliarden Euro.
Ergebnissaison widerlegt den Mythos
Das wirksamste Mittel gegen sentimentgetriebene Narrative sind konkrete Zahlen. Die Ergebnissaison der europäischen Verteidigungsunternehmen für das erste Quartal 2026 war in einer Hinsicht bemerkenswert einheitlich: Die führenden europäischen Rüstungskonzerne haben ihre Gesamtjahresvorgaben bekräftigt oder nach oben korrigiert. Die operative Leistung hat nicht nachgelassen. Was sich geändert hat, ist die Bereitschaft des Marktes, dafür zu zahlen.
Rheinmetall wies für das erste Quartal 2026 einen Umsatz von 1.938 Millionen Euro aus, während die Konsensschätzung auf 2.270 Millionen Euro gelautet hatte. Diese Verfehlung der Erwartungen um 15 % sorgte für erhebliches Aufsehen bei den Anlegern. Der Kontext spielt dabei eine Rolle: Ein Vorzieheffekt in Höhe von 140 Millionen Euro im ersten Quartal 2025 hatte den Vergleichszeitraum künstlich aufgebläht und war von vornherein nicht wiederholbar. Die EBIT-Marge (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) des Unternehmens lag bei 11,6 % und entsprach damit den Erwartungen. Die Vorgabe für das Gesamtjahr wurde mit einem Umsatzplus von 40–45 % und einer EBIT-Marge von ca. 19 % bestätigt. Das Management prognostizierte für das zweite Quartal 2026 ein Umsatzwachstum von 60–65 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das ist ein zeitlicher Effekt und kein Nachfrageproblem.
Hensoldt lieferte den vielleicht bemerkenswertesten Datenpunkt der Berichtssaison. Der Gesamtauftragseingang im ersten Quartal 2026 belief sich auf 1,36 Milliarden Euro, was einem Plus von 94 % gegenüber dem Vorjahr entspricht – bei einem Book-to-Bill-Verhältnis des Konzerns von 2,8. Der Geschäftsbereich Optronics verzeichnete ein Book-to-Bill-Verhältnis von 7,0, was vor allem auf das Shakal-Programm und einen Puma-Auftrag zurückzuführen ist. Der Umsatz wuchs organisch um 24 %. Da rund 60 % des Umsatzes aus Deutschland stammen, partizipiert Hensoldt direkt an den wachsenden Inlandsausgaben.
Thales meldete für das erste Quartal 2026 einen konzernweiten Auftragseingang von 4,7 Milliarden Euro (+27 % organisch). Dabei stiegen die Rüstungsaufträge organisch um 75 % auf 2,2 Milliarden Euro, darunter sieben Verträge im Wert von über 100 Millionen Euro, drei davon für Luftabwehrsysteme (SAMP/T für Dänemark, Ground Master für Katar sowie Kommandoposten für ein europäisches Land). Der Konzernumsatz von 5,3 Milliarden Euro lag um 2 % über den Konsensschätzungen. Die Vorgaben für das Gesamtjahr wurden bestätigt.
BAE Systems legte auf der Jahreshauptversammlung einen Geschäftsbericht vor, der seinem Ruf als umsetzungsstarkes Unternehmen gerecht wurde3: Im Einklang mit der Gesamtjahresvorgabe belaufen sich die Auftragseingänge seit Jahresbeginn auf rund 4,5 Milliarden Pfund und liegen damit deutlich über den im Juni 2025 bekannt gegebenen ca. 1,9 Milliarden Pfund. Die geografische Diversifizierung über die USA, das Vereinigte Königreich, Australien und den Nahen Osten schützt BAE vor den Auswirkungen einzelner Haushaltszyklen, während die Sicherheitspartnerschaft zwischen Australien, dem Vereinigten Königreich und den USA (AUKUS) sowie das Global Combat Air Programme (GCAP) eine jahrzehntelange Prognosesicherheit für den Umsatz bieten.
Safran erzielte im ersten Quartal 2026 einen Umsatz von 8,6 Milliarden Euro (+23 % organisch, 4 % über den Konsensschätzungen). Dabei legten die Auslieferungen von LEAP-Triebwerken um 63 % zu, und auch die Auslieferungen von M88-Militärtriebwerken stiegen deutlich an. Das Management gab eine Prognose am oberen Ende der Bandbreite für das Gesamtjahr ab. Das ist bemerkenswert, da Safran für seine konservativen Vorgaben bekannt ist.
Leonardo hat die Kurskorrektur in der Branche parallel zu einem Wechsel an der Unternehmensspitze gemeistert. Der Auftragseingang für das erste Quartal 2027 wird voraussichtlich 7,9 Milliarden Euro betragen (+15 % im Vergleich zum Vorjahr) und könnte eine positive Überraschung gegenüber den Konsensschätzungen bringen.
Kongsberg, Saab, Airbus Defence & Space und Rolls-Royce bestätigten jeweils ihre Vorgaben und meldeten wachsende Auftragsbestände.
Die Anlagechance im europäischen Verteidigungssektor erschließen
Als Reaktion auf die verstärkten Bestrebungen nach einer europäischen Verteidigungsautonomie hat WisdomTree am 11. März 2025 den WisdomTree Europe Defence UCITS ETF (Ticker: WDEF) aufgelegt, den ersten speziellen europäischen Verteidigungs-ETF. Er bildet den WisdomTree Europe Defence Index (WTEUDEFN) ab – einen regelbasierten Index, der die Wertentwicklung europäischer Unternehmen mit einem bedeutenden und messbaren Engagement in Verteidigungsausgaben darstellen soll. Seit Jahresbeginn hat der börsengehandelte Fonds (ETF) Nettozuflüsse im Volumen von 1,4 Milliarden US-Dollar verzeichnet, wodurch das verwaltete Vermögen auf 5,2 Milliarden US-Dollar4 geklettert ist. Das ist ein deutlicher Beleg für das Anlegervertrauen in die These der europäischen Wiederaufrüstung.
Was WisdomTree Europe Defence von herkömmlichen, nach Marktkapitalisierung gewichteten Ansätzen unterscheidet, ist die Umsatzorientierung seiner Gewichtungsmethode. Anstatt Indexkomponenten einfach nach ihrer Größe zu gewichten, bevorzugt der Index Unternehmen, bei denen der Verteidigungsumsatz einen größeren Anteil an den Gesamterlösen ausmacht. Dadurch erhalten reine oder nahezu reine Verteidigungsengagements eine höhere Gewichtung, während große, diversifizierte Mischkonzerne, bei denen Verteidigung nur eines von mehreren Geschäftsfeldern darstellt, geringer berücksichtigt werden.
Der ETF ist nach Marktkapitalisierung gewichtet und um den Exposure Score bereinigt. Jedem ausgewählten Unternehmen wird ein Exposure Score von 1 bis 3 zugewiesen, der sich nach dem Umsatzengagement in Verteidigungsaktivitäten richtet:
- Exposure Score 3: Unternehmen mit einem Anteil von mehr als 50 % an Verteidigungsaktivitäten
- Exposure Score 2: Unternehmen mit einem Anteil von 25 % bis 50 % an Verteidigungsaktivitäten
- Exposure Score 1: Unternehmen mit einem Anteil von 10 % bis 25 % an Verteidigungsaktivitäten
Book-to-Bill-Verhältnis: Der entscheidende Frühindikator
Für kapitalintensive Industrieunternehmen mit langen Geschäftszyklen ist das Book-to-Bill-Verhältnis (Auftragseingang zu Umsatz) einer der zuverlässigsten Frühindikatoren für das Umsatzwachstum. Ein Verhältnis über 1,0 bedeutet, dass ein Unternehmen mehr neue Aufträge verbucht, als es als Umsatz der laufenden Periode ausweist, dass sein Auftragsbestand wächst und dass sich die zukünftige Umsatzdeckung verbessert. Im aktuellen europäischen Verteidigungszyklus beträgt das durchschnittliche Book-to-Bill-Verhältnis der im WisdomTree Europe Defence UCITS Index enthaltenen Unternehmen 1,49.
Abbildung 2: Book-to-Bill-Verhältnis europäischer Verteidigungsunternehmen

Quelle: Unternehmensberichte, WisdomTree, Stand: 30. April 2026. Hinweis: Das Book-to-Bill-Verhältnis von Invisio für das erste Quartal 2026 in Höhe von 0,78 spiegelt eher die Schließung des US-Ministeriums für Innere Sicherheit als eine grundlegende Nachfrageschwäche wider. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Die Bewertungen haben nachgelassen
Die Bewertungskennzahlen haben sich trotz weiter wachsender Auftragsbestände und Gewinnprognosen abgeschwächt. Das nachlaufende KGV des WisdomTree Europe Defence UCITS ETF ist von 39,5 auf 30,9 gesunken.5 Das Gewinnwachstum der Portfoliotitel entwickelt sich weiterhin deutlich über dem des MSCI Europe und des MSCI Europe Industrials. Die aktuellen Marktbewertungen deuten auf niedrigere Multiplikatoren hin, obwohl die mehrjährige Auftragslage im Vergleich zu vor zwölf Monaten besser absehbar ist.
Der WisdomTree Europe Defence UCITS Index ist für ein starkes Gewinnwachstum positioniert: Der Gewinn je Aktie wird 2026 voraussichtlich um 15,1 % und 2027 um 21,5 % steigen.6 Das spiegelt wachsende Marktanteile, die mehrjährigen Beschaffungszyklen und die steigenden Verteidigungshaushalte in Europa wider. Auch die Dividenden je Aktie dürften in den nächsten zwei Jahren zulegen.
Abbildung 3: Fundamentale Gewinnschätzung – WisdomTree Europe Defence UCITS Index

Quelle: Bloomberg, WisdomTree, Stand: 19. Mai 2026. Prognosen sind kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und alle Anlagen sind mit Risiken und Ungewissheiten verbunden.
Gemessen an globalen Verteidigungs-Benchmarks wird der europäische Verteidigungssektor mit einem niedrigeren zurückliegenden KGV gehandelt (28,6 gegenüber 48,8 beim US-Luftfahrt- und Verteidigungsindex), bietet jedoch höhere langfristige Wachstumsprognosen (19,1 % gegenüber 16,8 %). Der European Aerospace & Defence Index weist zudem stärkere Qualitätsmerkmale auf: eine höhere Vermögensrendite sowie Eigenkapitalrendite als der US Aerospace & Defence Index, wie unten dargestellt.
Abbildung 4: Vergleich der Fundamentaldaten – Verteidigung in den USA vs. in Europa

Quelle: Bloomberg Finance L.P., WisdomTree, MSCI, Stand: 18. Mai 2026. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Fazit
Die derzeitige Kursschwäche ist unbehaglich. Sie ist auf die Marktstimmung, zeitliche Effekte und eine Makro-Rotation zurückzuführen. Dennoch ändert keiner dieser Faktoren etwas an der zugrunde liegenden Tatsache, dass die europäischen Regierungen das bedeutendste Wiederaufrüstungsprogramm seit dem Kalten Krieg vorantreiben und dass die im Portfolio vertretenen Unternehmen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der europäischen Militärbeschaffungsprogramme spielen dürften. Für Anleger mit mittel- bis langfristigem Anlagehorizont stellt die Kombination aus sich verbessernden Fundamentaldaten und gedrückten Bewertungen einen attraktiven Einstiegspunkt dar.
Obwohl die Branche von langfristigen Zusagen für Verteidigungsausgaben profitiert, sind Anlagen in Verteidigungsaktien weiterhin mit Risiken behaftet. Staatliche Beschaffungsprogramme können sich verzögern, Haushaltsprioritäten können sich ändern, und Auftragsvergaben kommen möglicherweise nicht wie erwartet zustande. Verteidigungsunternehmen können zudem mit Risiken in Bezug auf die Umsetzung, die Lieferkette und geopolitische Entwicklungen konfrontiert sein, während die Aktienkurse volatil bleiben und über kürzere Zeiträume von den zugrunde liegenden Fundamentaldaten abweichen können. Bewertungskennzahlen und Gewinnerwartungen können sich ändern, und es gibt keine Garantie dafür, dass das erwartete Wachstum der Verteidigungsausgaben zu zukünftigen Anlagerenditen führt.
1 Quelle: Financial Times, „Defence stocks: the geopolitical trade dividing investors“, 2. April 2026.
2 Quelle: Haushaltsplan des US-Kriegsministeriums für das Haushaltsjahr 2027.
3 Quelle: BAE Systems, Stand: 7. Mai 2026.
4 Quelle: Bloomberg Finance L.P., Stand: 21. Mai 2026.
5 Quelle: Bloomberg Finance L.P., Stand: 18. Mai 2026.
6 Quelle: Bloomberg Finance L.P., Stand: 19. Mai 2026.
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