Das Ende der Ausnahmestellung der USA und das Wachstum europäischer ETFs
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die Ausnahmestellung der USA – die Auffassung, dass Amerika eine unübertroffene Wirtschaftskraft und attraktive Investitionsmöglichkeiten bietet – hat in der Vergangenheit zu überproportionalen Kapitalzuflüssen geführt, obwohl die USA nur etwa 26 % des weltweiten BIP ausmachen.
- Dieser Status wurde durch Innovationsführerschaft, solide Kapitalmärkte, Rechtsstaatlichkeit, den Stellenwert als Reservewährung und eine günstige demografische Entwicklung gestützt und hat zur langfristigen Outperformance von Aktien und zum Vertrauen der Anleger beigetragen.
- In letzter Zeit wachsen jedoch die Zweifel aufgrund von unberechenbaren politischen Entscheidungen der USA, des Rückzugs von globalen Sicherheitszusagen, des zunehmenden Protektionismus und von neuem globalem Wettbewerb – besonders durch China bei Technologie und KI.
- Die traditionelle Rolle des US-Dollar bei der „Flucht in die Sicherheit“ lässt nach. Auch haben sich die US-Aktienmärkte im bisherigen Jahresverlauf schlechter entwickelt als ihre Pendants in Europa und China, was Bedenken hinsichtlich einer strukturellen globalen Verschiebung hervorruft.
- Die Zuflüsse in europäische ETFs lassen darauf schließen, dass Anleger ihr Kapital regional umschichten und lokale Investmentchancen bevorzugen, da das Vertrauen in die Dominanz der USA schwindet.
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Seit Jahrzehnten genießen die USA eine wirtschaftliche Ausnahmestellung und ziehen im Verhältnis zum Umfang ihrer Volkswirtschaft einen unverhältnismäßig großen Anteil des weltweiten Kapitals an. Beispielsweise machen die USA etwa 72,92 % des MSCI World Index und 66,41 % des MSCI ACWI Index aus (beide Indizes sind nach Marktkapitalisierung gewichtet), obwohl sie nur 26,3 % zum globalen BIP beitragen.
Was ist die Ausnahmestellung der USA?
Die Ausnahmestellung der USA bezieht sich auf die Überzeugung, dass die USA über eine einzigartige Wirtschaftskraft verfügen, die sie im Vergleich zu anderen Ländern zu einem herausragenden – oder sogar überlegenen – Umfeld für Innovation, Wachstum und langfristige Investitionen macht. Dieser Gedanke diente in der Vergangenheit sowohl als Investitionsargument als auch als Ausdruck echter struktureller Vorteile in der US-Wirtschaft.
Die wichtigsten Faktoren für diese Wahrnehmung:
- Innovation und technologische Führung: In den USA sind viele der innovativsten und wertvollsten Unternehmen der Welt ansässig (z. B. Apple, Microsoft, Google), wobei die Technologiebranche ein wichtiger Motor für die Marktentwicklung ist.
- Umfangreiche, liquide Kapitalmärkte: Die US-Finanzmärkte gehören zu den am weitesten entwickelten und zugänglichsten Märkten der Welt, was die Kapitalbeschaffung und Investitionsaktivitäten sehr effizient macht.
- Rechtsstaatlichkeit: Ein solider Rechtsrahmen schützt die Eigentumsrechte und stärkt die Durchsetzung von Verträgen und damit das Vertrauen der Anleger.
- Weltreservewährung: Der Status des US-Dollar als globale Reservewährung bietet einzigartige Vorteile im Handel und bei der Finanzierung.
- Günstige demografische Bedingungen und Zuwanderung: Im Vergleich zu anderen Ländern wie Japan und großen Teilen Europas profitieren die USA von einer günstigeren demografischen Entwicklung und einem stetigen Zustrom qualifizierter Einwanderer.
Langfristige Auswirkungen
- Der überdurchschnittlichen Aktienperformance: In den letzten Jahrzehnten haben sich US-Aktien – insbesondere Large-Cap-Tech- und Wachstumstitel – besser entwickelt als die meisten globalen Pendants (siehe Abbildung 1). Anleger halten in globalen Portfolios häufig eine Übergewichtung von US-Aktien.
- Der Flucht in die Sicherheit: In Zeiten globaler Krisen oder Ungewissheit flüchten sich Anleger häufig in US-Anlagen (wie Staatsanleihen oder den US-Dollar), was den Eindruck verstärkt, dass die USA ein sicherer und zuverlässiger wirtschaftlicher Anker sind.
- Des höheren Produktivitätswachstums: Die USA gelten als dynamischer und robuster, mit flexiblen Arbeitsmärkten und einer starken Unternehmerkultur, die den wirtschaftlichen Aufschwung und Innovation beflügelt.
Quelle: Bloomberg, WisdomTree. 01.01.2010 bis 03.04.2025. Auf der Grundlage der MSCI Net Total Return USD-Indizes. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Wachsende Zweifel an der Ausnahmestellung der USA
In letzter Zeit stellen internationale Anleger diese lang gehegte Überzeugung zunehmend infrage. Diese Zweifel wurden durch die unberechenbaren politischen Schritte der derzeitigen US-Regierung noch verstärkt. Das Zurückfahren der weltweiten Sicherheitszusagen der USA und die Hinwendung zu einer protektionistischen oder merkantilistischen Handelspolitik haben traditionelle Verbündete und Anleger gleichermaßen verunsichert.
Vor allem der Rückzug der USA aus der internationalen Sicherheitsunterstützung hat viele europäische Staaten dazu veranlasst, frühere Haushaltsbeschränkungen aufzugeben und die Verteidigungsausgaben aufzustocken, um die militärische Aufrüstung voranzutreiben.
Die europäischen Regierungen tätigen keine kurzfristigen, reaktionären Käufe, sondern gestalten ihre Verteidigungsstrategien auf lange Sicht um. Deutschlands mit 100 Milliarden Euro ausgestatteter Sonderfonds soll bis 2027 vollständig zugewiesen sein; Frankreich, Polen und das Vereinigte Königreich haben sich zu Militärbudgets in Rekordhöhe verpflichtet. Europa hat sich bisher bei der Beschaffung von militärischer Spitzentechnologie auf US-Rüstungsunternehmen verlassen, aber durch politische Veränderungen wird nun heimischen Anbietern Vorrang eingeräumt. Das Vertrauen der Anleger in diese strategische Neuausrichtung zeigt sich darin, dass der WisdomTree Europe Defence UCITS ETF (WDEF) in den ersten 16 Handelstagen seit seiner Auflegung am 11. März 2025 Zuflüsse in Höhe von 817 Millionen US-Dollar verzeichnet hat.
Gleichzeitig steht auch die technologische Dominanz der USA auf dem Prüfstand. Die Entstehung von DeepSeek in China – einem kosteneffizienteren KI-Modell – hat neue Skepsis gegenüber den Bewertungen von hochfliegenden US-Chipherstellern wie Nvidia geweckt. Diese Bewertungen basierten auf der Annahme, dass US-Firmen ihre Preissetzungsmacht länger behaupten würden, als es heute realistisch erscheint.
Außerdem verliert der US-Dollar etwas von seiner traditionellen Bedeutung als „Flucht in die Sicherheit“. Nach der Ankündigung neuer Zölle am 2. April 2025, die die Angst vor einer Abkühlung des Weltwirtschaftswachstums verstärkte, brach der US-Dollar-Index (DXY) innerhalb von nur 18 Stunden um 2,5 % ein.
Aktienmärkte außerhalb der USA liegen vorn
Die US-Aktienbenchmarks hinken ihren internationalen Pendants seit Jahresbeginn deutlich hinterher. Nach aktuellen Daten liegen US-Indizes gegenüber Europa um 13,6 % und gegenüber China um 19,3 % zurück.
Während dieser Unterschied zum Teil auf zyklische Faktoren zurückzuführen sein könnte, wächst unter den Anlegern die Besorgnis über einen strukturellen Wandel, der ein Zeichen dafür sein könnte, dass sich die Performancelücke zwischen den USA und dem Rest der Welt schließt.
Quelle: Bloomberg, WisdomTree. 31.12.2024 bis 03.04.2025. Auf der Grundlage der MSCI Net Total Return USD-Indizes. Die historische Wertentwicklung ist kein Hinweis auf die künftige Wertentwicklung, und Anlagen können im Wert sinken.
Europäische Anleger kaufen mehr europäische Fonds
Das Anlegerverhalten spiegelt diese veränderte Dynamik wider. Vor allem europäische ETF-Anleger haben Kapital von US-Fonds in europäische Fonds umgeschichtet, wie aus der folgenden Tabelle hervorgeht:
Quelle: Bloomberg, Stand: 3. April 2025, Kapitalflüsse in USD. Die Kapitalflüsse sind für alle in Europa notierten ETFs gezeigt. In Klammern angegebene Zahlen sind negativ.
Fazit
Das jahrzehntelange Narrativ der wirtschaftlichen Ausnahmestellung der USA wird zunehmend hinterfragt. Eine Kombination aus politischer Unberechenbarkeit, schwächelnden globalen Allianzen und wachsendem Wettbewerb – vor allem in wichtigen Branchen wie dem Tech-Sektor – hat das Vertrauen, das die Dominanz der USA untermauerte, teilweise untergraben.
Da sich die Aktienmärkte außerhalb der USA besser entwickeln und sich die globalen Anlageströme neu ausrichten, verzeichnen europäische ETFs zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Diese Verschiebung könnte nicht nur eine kurzfristige Rotation signalisieren, sondern eine umfassendere Neubewertung der globalen Anlageprioritäten.
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