Wiederaufbau der Ukraine: Wie Europas Infrastrukturkompetenzen beitragen können
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Der Wiederaufbau der Ukraine könnte erhebliche Infrastrukturinvestitionen erfordern, wobei der größte Bedarf bei Transport-, Energie- sowie den Systemen liegt, die die wirtschaftliche Erholung unterstützen.
- Angesichts der engeren Verbindungen der Ukraine zur EU und der bestehenden Kooperationsrahmen könnte das europäische Infrastruktur-Ökosystem eine wichtige Rolle spielen.
- Das größte Unternehmensengagement dürfte sich auf drei Bereiche erstrecken: Energie- und Netzausrüstung, Transport- und zivile Infrastruktur sowie Baumaterialien.
Während Nachrichten über einen Waffenstillstand oder Friedensgespräche immer wieder in den Fokus und dann in den Hintergrund treten, lohnt es sich bereits jetzt, den späteren Wiederaufbau der Ukraine aus der Perspektive der europäischen Infrastruktur-Lieferkette zu betrachten. Diese Aufgabe dürfte sich zu einer der größten infrastrukturellen Herausforderungen in Europa seit einer Generation entwickeln. Die neueste Schnellbewertung von Schäden und Bedarf (RDNA5), die von der ukrainischen Regierung, der Weltbankgruppe, der Europäischen Kommission und den Vereinten Nationen erstellt wurde, schätzt den Bedarf für Wiederaufbau und Wiederherstellung in der Ukraine in den nächsten zehn Jahren auf fast 588 Milliarden US-Dollar. Der größte Bedarf konzentriert sich auf die Systeme, die das Funktionieren der Wirtschaft ermöglichen, insbesondere Transport und Energie, sowie auf den Wohnungsbau, die Industrie und grundlegende öffentliche Dienstleistungen. Innerhalb der Infrastruktur stechen Transport und Energie hervor: Der Bedarf im Transportwesen übersteigt 96 Milliarden US-Dollar, während die Kosten für die Wiederherstellung der Strom- und Wärmeversorgung auf rund 90,6 Milliarden US-Dollar geschätzt werden.
Abbildung 1: Bedarf für Wiederaufbau und Wiederherstellung in der Ukraine

Quelle: Weltbank, „Fifth Rapid Damage and Needs Assessment (RDNA5)“, Februar 2026.
Warum Europas Infrastruktur-Lieferkette von Bedeutung ist
Zwar stehen die humanitären und sozialen Bedürfnisse an erster Stelle, doch deutet das Ausmaß des Wiederaufbaus auch auf einen langfristigen Nachfragzyklus bei der Infrastrukturentwicklung hin. Das wird umfangreiche und koordinierte Infrastrukturmaßnahmen erfordern, bei denen auf Kompetenzen und Lieferketten in ganz Europa zurückgegriffen wird. Viele der Organisationen, die direkt am Wiederaufbau der Ukraine beteiligt sind, dürften inländische, staatliche oder private Unternehmen sein. Das bedeutet, dass das eher sichtbare, börsennotierte Engagement in der europäischen Infrastruktur-Lieferkette liegen dürfte. In dieser Hinsicht könnte der Wiederaufbau der Ukraine ebenso sehr zu einem europäischen Infrastrukturthema wie zu einem Thema der Erholung der Ukraine werden.
Europäische Unternehmen dürften ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, da der Wiederaufbauprozess eng mit EU-Institutionen, Entwicklungsbanken und bestehenden Kooperationsrahmen mit der Ukraine, wie beispielsweise dem EU-Investitionsrahmen für die Ukraine, verknüpft ist. Diese Rahmenwerke können zur Umsetzung des Infrastrukturbedarfs in investitionsreife Projekte beitragen sowie Unternehmen begünstigen, die über Erfahrung in der europäischen Auftragsvergabe, der Infrastrukturrealisierung und der Einhaltung regulierter Projektstandards verfügen.
Aus Sicht der Infrastruktur-Wertschöpfungskette ergeben sich daraus zwei sich ergänzende Ansätze für das Thema. Der erste betrifft Unternehmen, die bei der Umsetzung großer Bauprojekte, beispielsweise im Transport- und Energiesektor, mitwirken können. Der zweite betrifft Zulieferer, deren Produkte in diesen Projekten zum Einsatz kommen. Aus diesem Grund sollte das Thema nicht nur unter dem Blickwinkel von Bauunternehmen oder nur unter dem von Ausrüstungsherstellern betrachtet werden. Für den Wiederaufbau der Ukraine werden wahrscheinlich beide benötigt.
Kernbereiche des Engagements
Der erste wichtige Schwerpunkt liegt auf Energie, Stromnetz und Elektrifizierung. Das ukrainische Stromnetz hat erhebliche Schäden erlitten. Für einen dauerhaften Wiederaufbau wäre ein ausfallsichereres Netz erforderlich – von der Stromerzeugung über Umspannwerke bis hin zur Netzausrüstung. Unternehmen wie Siemens Energy, Schneider Electric, Prysmian und NKT könnten bei diesem Teil des Wiederaufbaus eine Rolle spielen. Die Begründung ist einfach: Bevor sich die Gesamtwirtschaft erholen kann, muss die Stromversorgung zuverlässig sein. Kabelhersteller und Transformatorlieferanten könnten dabei besonders wichtig sein, da Europa bereits mit einer knappen Versorgung an Netzausrüstung konfrontiert ist. Sollten die Ausgaben für den Wiederaufbau zunehmen, könnte die Nachfrage im Zusammenhang mit der Ukraine zu einer Belebung in Teilen der europäischen Lieferkette für Elektrifizierung und Infrastruktur beitragen.
Transport- und zivile Infrastruktur bilden eine weitere zentrale Säule der Wiederaufbaumaßnahmen. Die Ukraine muss Straßen, Eisenbahnverbindungen und Grenzübergänge instand setzen und modernisieren. Laut RDNA5 ist der Bedarf an Transportkapazitäten gegenüber der vorherigen Bewertung um rund 24 %1 gestiegen, was auf die verstärkten Angriffe auf Eisenbahnstrecken und Häfen im Jahr 2025 zurückzuführen ist. Hier könnten europäische Bauunternehmen und Infrastrukturkonzerne zum Einsatz kommen, insbesondere diejenigen mit Erfahrung in Mittel- und Osteuropa (MOE). Strabag und Ferrovial (über Budimex) sind gute Beispiele für den MOE-Korridor, während Vinci, ACS und Eiffage für eine breitere europäische Auftragskapazität stehen. Auch der regionale Aspekt ist wichtig. Polen und Rumänien dürften neben anderen benachbarten EU-Märkten als praktische Zugangspunkte für Ausrüstung, Werkstoffe und Bauunternehmen dienen, die in die Ukraine gelangen, während das Land seine wirtschaftlichen Beziehungen zur EU vertieft.
Der dritte Bereich sind Baumaterialien. Der Wiederaufbau der Transportinfrastruktur, der Versorgungsnetze und öffentlicher Gebäude erfordert große Mengen an grundlegenden Baumaterialien von Zement über Zuschlagstoffe bis hin zu Rohren und Dämmstoffen. Der Wohnungsbedarf trägt zusätzlich zu dieser Nachfrage bei: Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind 14 %2 des Wohnungsbestands des Landes – mehr als 3 Millionen Haushalte – beschädigt oder zerstört worden. Das eröffnet europäischen Baustoffunternehmen wie Heidelberg Materials und Holcim eine naturgemäße Rolle. Darüber hinaus zeichnet sich CRH, obwohl das Unternehmen über ein bedeutendes US-Geschäft verfügt, auch dadurch aus, dass es über CEMARK direkt im ukrainischen Zementmarkt engagiert ist. CEMARK betreibt ukrainische Zementwerke und ist Teil der CRH-Gruppe.
Fazit
Der Wiederaufbau der Ukraine könnte zu einem groß angelegten, mehrjährigen Infrastrukturprojekt werden. Angesichts des Ausmaßes des Wiederaufbaus und der engeren Beziehungen der Ukraine zur EU dürften europäische Unternehmen dabei eine wichtige Rolle spielen. Die deutlichsten Chancen bieten sich in zwei Bereichen der Infrastruktur-Wertschöpfungskette: bei Unternehmen, die kritische Infrastruktur errichten können, und bei Zulieferern, die die dafür benötigten Werkstoffe und Anlagen bereitstellen. Zusammen bilden sie das europäische Infrastruktur-Ökosystem, das zur Wiederherstellung der Anbindung, der Widerstandsfähigkeit und der Wirtschaftskraft der Ukraine beitragen kann.
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Der WisdomTree Europe Infrastructure UCITS ETF umfasst Unternehmen, die Europas nächste Infrastrukturwelle vorantreiben. Der Schwerpunkt liegt auf Unternehmen, die sich mit dem Bau und der Entwicklung von Infrastrukturanlagen und nicht in erster Linie mit dem Betrieb bestehender Netze befassen. Das Engagement konzentriert sich auf die Bauunternehmen und Zulieferer, die hinter neuen Infrastrukturinvestitionen stehen, darunter Ingenieur- und Baukonzerne, Netz- und Energieversorgungsunternehmen, Spezialkomponentenhersteller und wichtige Materialzulieferer. Daher ist die Strategie nicht nur auf den allgemeinen Infrastrukturinvestitionszyklus in Europa ausgerichtet, sondern auch auf eine potenzielle zusätzliche Nachfrage im Zusammenhang mit dem späteren Wiederaufbau der Ukraine. Sie bietet Anlegern somit eine diversifizierte Möglichkeit, am europäischen Infrastruktur-Ökosystem teilzuhaben, das zum Wiederaufbau der Ukraine beitragen könnte.
Engagements in Themen mit Bezug zu Infrastruktur und Wiederaufbau sind mit Risiken verbunden, darunter politische, geopolitische und regulatorische Unsicherheiten. Der Umfang, der Zeitplan und die Finanzierung zukünftiger Wiederaufbaumaßnahmen in der Ukraine sind nach wie vor unklar und können sich im Laufe der Zeit erheblich ändern. Unternehmen, von denen erwartet wird, dass sie von Infrastrukturausgaben profitieren, sind möglicherweise letztendlich nicht an Wiederaufbauprojekten beteiligt oder erzielen nicht die erwarteten wirtschaftlichen Ergebnisse. Infrastrukturbezogene Anlagen können auch durch Änderungen der Regierungspolitik, Baukosten, Unterbrechungen der Lieferkette, Zinssätze und allgemeine wirtschaftliche Rahmenbedingungen beeinflusst werden. Der Wert von Aktieninvestments kann schwanken, und Anleger können ihre Anlage ganz oder teilweise verlieren.
1 Quelle: Weltbank, „Fifth Rapid Damage and Needs Assessment (RDNA5)“, Februar 2026.
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